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  Nibelungenlied

  „Uns ist in alten mæren / wunders vil geseit von helden lobebæren / von grôzer arebeit, von fröuden, hôchgezîten, / von weinen und von klagen, von küener recken strîten / muget ir nu wunder hœren sagen.“  - so beginnt das Nibelungenlied, der bedeutendste mittelhochdeutsche Heldengesang. Er entstand aus verschiedenen, in den germanischen Stämmen, besonders burgundischen und fränkischen, gesondert entwickelten Sagenkreisen, die mündlich überliefert wurden. Das Nibelungenlied ist das Ergebnis einer langen Entwicklung, in der geschichtliche Ereignisse sagenhaft verherrlicht werden. Die überlieferte, verbindliche Fassung ist das Werk eines oberdeutschen (österreichischen) Geistlichen, wahrscheinlich Meister Konrads. Er bearbeitete die alte, während der Völkerwanderungszeit (viertes bis sechstes Jahrhundert) spielende Heldendichtung im Sinne der zeitgenössischen höfischen Dichtung.

Entstanden ist das Nibelungenlied wahrscheinlich zwischen 1198 und 1204, vermutlich im Umkreis des Bischofs Wolfger in Passau an der Donau. Das Lied besteht aus 39 Abschnitten („Aventiuren“) und ist in etwa 2400 Nibelungenstrophen, vier paarweise reimenden Langzeilen, wobei die letzte Halbzeile überlängt ist, abgefasst.   Nibelungen (nach dem König Nibelung, „Sohn des Dunkels“; zusammenhängend mit Nebel): In der deutschen Sage Bezeichnung für ein von einem bösen Geist besessenes Zwergengeschlecht. Die Nibelungen sind die Besitzer großer Reichtümer, das heißt eines großen Goldhortes, des Nibelungenhortes, an den ein Fluch gekettet ist. Diesen Schatz behütet der mächtige Zwerg Alberich. Siegfried besiegt das elbische Zwergengeschlecht: Er tötet die Könige Nibelung und Schildung und überwindet Alberich.

Die Bezeichnung Nibelungen übernimmt er für sich und seine Mannen. Nach dem Tod Siegfrieds geht die Bezeichnung auf die Burgunderkönige über.   Inhalt: Der junge Siegfried besteht während seiner Jugend viele gewagte Unternehmungen. Er besiegt einen Lindwurm (Drachen), in dessen Blut er sich badet. Das Blut verleiht ihm eine Hornhaut, durch die er bis auf eine Stelle zwischen den Schulterblättern, auf die während des Bades ein Blatt fällt, unverwundbar ist. Der edle Recke, der auch den Nibelungenhort erworben hat, wirbt um Kriemhild, Tochter Utes und Schwester der Burgunderkönige Gunther, Gernot und Giselher.

Er erhält sie erst, nachdem er die jungfräuliche Brünhild, die Königin Islands, mit Hilfe der Tarnkappe, die er vom Nibelungenkönig Alberich gewann, an Stelle Gunthers in Kampfspielen besiegt und für Gunther zur Frau erworben hat. Siegfried plaudert aber das Geheimnis an Kriemhild aus. Als Brünhild im Streit mit Kriemhild von ihr erfährt, dass nicht Gunther, sondern Siegfried sie im Kampf und im Schlafgemach bezwungen habe, veranlasst sie Hagen von Tronje, Siegfried auf einer Jagd hinterhältig zu ermorden. Kriemhild ist untröstlich; Hagen nimmt ihr auch noch den Nibelungenhort, um ihn für König Gunther im Rhein zu versenken, damit der Witwe die Mittel für eine Rache genommen werden. Als später der Hunnenkönig Etzel um die rachebesessene Kriemhild wirbt, willigt sie in die Heirat ein. Sie lädt ihre Brüder zu einem Fest nach Ungarn ein.

Ihr einziger Gedanke dabei ist die Rache an Hagen und an den Burgundern. Kriemhild fordert die Auslieferung Hagens, die ihr die Burgunder verweigern. Von Kriemhild angestachelt, kommt es zu einem hinterhältigen Überfall der Hunnen, der in einem Blutbad endet und bei dem auf beiden Seiten alle bis auf Gunther und Hagen fallen, die durch Dietrich von Bern gefangen genommen werden. Kriemhild, die sich nur für den Verbleib des Nibelungenhorts innert, wird die Herausgabe desselben verweigert; deshalb lässt sie erst Gunther enthaupten, dann schlägt sie selbst Hagen den Kopf ab. Voll Zorn tötet sie der alte Hildebrand, Dietrich von Berns Waffenmeister.   Aufbau und Stoffgeschichte: Der Verfasser des Nibelungenliedes ist bestrebt, für keine der handelnden Personen Partei zu ergreifen; er will das Schicksalhafte der Geschehnisse hervorheben.

Zwar fehlen in der blutrünstigen Geschichte auch die höfischen Züge nicht: Kriemhild und Siegfried sind ganz das liebende Paar der höfischen Dichtung, Siegfried ist der vollkommene Ritter, am Wormser und am Hof Etzels geht es recht gesittet zu und zur weltlichen „hövescheit“ kommt die geistliche: Bevor das Gemetzel am Hof beginnt, begeben sich Burgunder und Hunnen zum gemeinsamen Kirchengang. Doch letztlich ist all das nur Vorwand: Mord, Rache, Hass, Hinterlist und heidnischer Schicksalsglaube bestimmen das Denken und das Handeln der Menschen. Keiner der Helden stirbt „christlich“ im Gedanken an Gott oder an ein Jenseits. So schwach war die Grundlage, auf der das Gebäude der vorbildlichen höfischen Welt ruhte.   Das Nibelungenlied besteht aus zwei ursprünglich getrennten Hauptteilen: 1. den Heldentaten des jungen Siegfried, seiner Werbung um Kriemhild und seinen Tod (Siegfriedlied) und 2.


Kriemhilds Vermählung mit Etzel, ihrer Rache und dem Untergang der Burgunder am Hof König Etzels (Burgunderlied). Dem zweiten Teil liegen geschichtliche Tatsachen zu Grunde: die Vernichtung des burgundischen Reiches am Rhein durch die Hunnen im Jahr 436, an der Attila aber – im Gegensatz zum Nibelungenlied – nicht beteiligt war, der Tod Attilas im Jahr 453 in der Nacht seiner Hochzeit mit Ildiko, einer Germanin, und die Vernichtung des zweiten Burgunderreiches durch die Franken im Jahr 538. Ursprünglich rächte Kriemhild den Tod ihrer Brüder an König Etzel (älteres Atlilied), der diese aus Gier nach dem Goldschatz der Nibelungen hinterlistig an seinen Hof gelockt hatte. Für den ersten Teil, die Siegfried-Brünhild-Handlung, sind geschichtliche Ereignisse, wenn überhaupt, weitaus schwieriger nachzuweisen. Dafür werden von der Forschung der Urform entsprechende, sagenhafte und märchenhafte Züge neben der Heldensage geltend gemacht. In einigen Handschriften ist dem Nibelungenlied die Klage angefügt, in der in vierhebigen Reimpaaren hauptsächlich die Totenklage über die gefallenen Helden des Nibelungenliedes enthalten ist.

  Die Wiederentdeckung des mit dem Beginn der Neuzeit vergessenen Nibelungenliedes ist unter anderen Johann Jakob Bodmer zu verdanken, der es 1757 teilweise wieder herausgab. Durch die Romantik und ihre Verklärung des Mittelalters nahm die Begeisterung für den Stoff zu. In der Folgezeit wurde die hochmittelalterliche Dichtung im Sinne eines sagenhaften Volkstumsbegriffs verstanden und unter dem Nationalsozialismus zum Hohelied der bedingungslosen Gefolgschaftstreue zu einem Führer gebraucht.   Die drei wichtigsten Handschriften sind: aus Hohenems, jetzt in München, die kürzeste (2316 Strophen), in Sankt Gallen, die völkstümlichste und der Urschrift am nächsten stehende Handschrift, 2376 Strophen, ebenfalls aus Hohenems, jetzt Donaueschingen, die sorgfältigste, längste (2442 Strophen) und am meisten höfisch umgestaltete Fassung. Alle drei Handschriften stammen aus der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts.   Neuere Behandlungen des Stoffes stammen von Friedrich Hebbel (dreiteiliges Trauerspiel „Die Nibelungen“ von 1862), von Paul Ernst, von Emanuel Geibel, von Wilhelm Jordan, von Max Mell, von Friedrich Heinrich Karl Baron de la Motte Fouqué, von Ernst Raupach und von Hans Sachs.

– Richard Wagner schuf das vierteilige tonkünstlerische Bühnenfestspiel „Der Ring des Nibelungen“ (Uraufführung 1876).    Daz ist der Nibelunge nôt. (Ende des Nibelungenliedes)            © 2000 Michael Steyrer, Josef Hafner und Julian Rettenegger

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