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  rainer brambach:känsterle

In der Kurzgeschichte "Känsterle" von Rainer Brambach geht es um die verlorengegangene Kommunikation in einer langjährigen Ehe, die zur Folge hat, dass der Vater, Wallfried Känsterle, ein einfacher Schlosser, kurzzeitig die Beherrschung über sich selbst verliert und in seiner eigenen Wohnung Amok läuft. Die Geschichte ist in 2 Teile gegliedert, wovon der erste am Abend 2 Tage vor Nikolaus stattfindet und der zweite am selbigen. Im ersten Teil ist zu erkennen, dass Wallfried Känsterle in seiner Ehe den schwächeren Part übernimmt, ja, man könnte fast sagen, dass er von seiner Frau in einem gewissen Sinne unterdrückt wird. Dargestellt wird ein, wie es scheint, typisches "Gespräch" zwischen den beiden Ehepartnern. Känsterle sitzt nach Feierabend vor dem Fernseher und will einfach seine Ruhe haben. Dies scheint allerdings von seiner Frau nicht wahr- oder ernstgenommen zu werden, während sie in der Küche Geschirr spült ist sie in einer Tour am plappern, Banalitäten sind dabei mit unterschwelligen Forderungen und Kritik bezüglich ihres Mannes vermischt.

Es geht um das kalte Wetter,die nicht gestrichenen Winterfenster, die sie als persönliche Schande empfindet, an der ihr Mann Schuld ist, den verstorbenen Herrn Weckhammer. Als letzten Punkt erwähnt sie, wie beiläufig, dass sie von dessen Witwe ein Weihnachtsmannkostüm gekauft hat, und nun von ihrem Mann verlangt, dass dieser sich für seine 2 Kinder verkleiden wird am Nikolausabend. Gefragt wurde er allerdings vorher nicht. Mal wieder schafft Känsterle es nicht, sich gegen seine Frau zur Wehr zu setzen. Es bleibt bei einem äußerst kläglichen Versuch. Nun folgt der zweite Teil, der dann am Nikolausabend stattfindet.

Känsterle verkleidet sich auf dem Dachboden als Weihnachtsmann. Das Kostüm passt nicht und ist ihm viel zu groß. Er fühlt sich äußerst unwohl. Missmutig begibt er sich auf den Weg in die Wohnung, wobei er aufgrund der ebenfalls zu großen Schuhe auf der Treppe stolpert und diese hinunterstürzt und dabei große Schmerzen empfindet. Groteskerweise glaubt seine Frau Rosa, der Knall der durch den Sturz entstand, sei das Klopfen an der Tür gewesen. Anstatt sich um ihren Gatten zu sorgen und ihm aufzuhelfen, kommen als einziges wieder Vorwürfe und die Forderung, er solle sich gefälligst sofort wieder richtig anziehen, da die Kinder kommen.

Das ist zuviel für Känsterle, das Fass wird zum Überlaufen gebracht. Er reagiert indem er seine Frau wortlos ohrfeigt und danach in der Wohnung randaliert und einige der Lieblingssachen seiner Frau zerstört - neben dem Winterfenster, das er einschlägt. Rosa versteht die Welt nicht mehr und wird hysterisch. "Er schlachtet die Buben ab!" schreit sie, und trommelt hilflos den Rest des Hauses zusammen. Auch Herr Hansmann, ein andere Mieter des Hauses,welcher vorher von Frau Känsterle als Vorbild für ihren Mann bezeichnet wurde, ist da. Seine Reaktion ist wohl die größte Überraschung : mit einem begeisterten Glitzern in den Augen ist sein einziger Kommentar: "Mein lieber Känsterle, ist das alles?" Am Ende kehrt Känsterle zu seinen alten Verhaltensweisen zurück.

Er führt nicht zuende, was er begann und die Beziehung setzt ihren alten, missverständlichen Weg weiter fort. Die Kurzgeschichte ist eine typische ihrer Gattung. Beschrieben wird der kurze Abschnitt aus dem Leben eines Menschen, der einen deutlichen Wendepunkt erfährt. Es sind verhältnismäßig wenig Personen vorhanden, die Zahl der Hauptpersonen beschränkt sich auf Känsterle und seine Frau. Das Ende ist offen, und der Anfang unvermittelt und plötzlich. Die Perspektive des Lesers wirkt wie die eines Zuschauers.

Ein auktorialer wechselt mit einem neutralen Erzähler, die Geschichte wird von außen reflektiert und durch die trostlosen Umgebungsaspekte, die beschrieben werden, entsteht eine gewisse Präsenz ("Eine verstaubte Glühbirne wirft trübes Licht.") . Die Zustände werden besonders objektiv klar, da kein eigener Standpunkt einer Hauptperson die Tatsachen persönlich einfärbt. Auch die fast reine Dialogform des Anfangs unterstützt diesen Effekt. Nichtsdestotrotz fühlt sich der Leser persönlich betroffen, was sich vielleicht sogar ganzbesonders auf die nüchterne und rationale Erzählweise zurückführen lässt. Die Hauptfiguren werden außer ihres Verhältnisses zueinander nicht weiter charakterisiert.

Sie wirken wie Schablonenfiguren. Die beschriebenen Zustände und Verhaltensweisen des Ehepaares Känsterle lassen sich sehr gut durch die Theorien des Psychologen, Therapheuten und Wissenschaftlers Watzlawick erklären. Nach Watzlawick gibt es in jeder Handlung einen Inhaltsaspekt und einen Beziehungsaspekt, die er digital und analog nennt. Auf der sachlichen Ebene werden reine Informationen wiedergegeben, auf der Beziehungsebene werden diese dann mit den zwischenmenschlichen Inhalten und der persönlichen Absicht angefüllt, die von der Beziehung der Kommunizierenden abhängen. Im Falle des Ehepaares handelt es sich um eine sogenannte "ungesunde" Beziehung. Das Problem der beiden liegt in dem Punkt, dass die beiden auf verschiedenen Ebenen kommunizieren, jedoch eine gemeinsame, in der das "Übersetzen" und "Rückübersetzen"der Aussagen funktioniert, die Basis für eine funktionierende Partnerschaft wäre.


Känsterle fasst jeden Satz seiner Frau so auf, dass er durch Erwartungen und Kritik angegriffen wird. In vielen Fällen mag das stimmen, aber nicht immer. Viele Informationen seiner Frau ("Es ist kalt draußen"..."ich habe heute im Konsum seine Frau getroffen.

") sind wirklich rein digital und ohne weiteren Hintergrund dahergesagt, wohingegen andere ("Niemand im Haus hat so schäbige Winterfenster wie wir! Ich ärgere mich jedesmal wenn ich die Winterfenster putze!") eindeutige Kritik und verfehlte Erwartungen ausdrücken. Er kann dies nicht mehr unterscheiden. Känsterles Frau ist mit ihrem Mann nicht zufrieden und akzeptiert ihn nicht so, wie er ist. Er umgekehrt fühlt sich von ihren Erwartungen überfordert und hat nicht die geringste Motivation, ihnen gerecht werden zu wollen. Seine Reaktionen nun werden von Rosa als rein digital aufgefasst, obwohl sie eindeutig viele analoge Aspekte enthalten. "Ja, ja" und "Gleich, gleich", ebenso wie das ausschalten des Fernsehers, sind eindeutige Anzeichen für die Überforderung die er durch seine Frau erfährt und ein stiller Hilfeschrei nach Verständnis, Akzeptanz und Ruhe.

Seine Frau versteht die versteckten Botschaften nicht, oder will sie nicht wahrnehmen. Aus dem gegenseitigem Missverständnis resultiert eine katastrophale Situation - in Känsterle stauen sich immer mehr Aggressionen an und seine Frau ist nicht in der Lage dieses zu realisieren, da sie viel zu sehr mit ihrer eigenen Unzufriedenheit beschäftigt ist. Die beiden leben in einer komplementären Beziehung, in der sie die superiore Position, was auch speziell an ihren vielen Imperativen in den Dialogen klar wird ("Mach den Ton leiser!", und er die inferiore Position einnimmt. Während Känsterles kurzer Rebellion werden diese Rollen vorrübergehend getauscht, aber verfallen sofort danach in den Ausgangszustand zurück. Das Ganze ist ein Teufelskreis, Ursache und Wirkung sind nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Eine Lösung für das Eheproblem könnte nach Watzlawick in der Meta-Kommunikation zu finden sein.

Dabei wird das Problem "von oben"betrachtet. Die Meta-Ebene ist eine höhere Ebene der Kommunikation, bei der auf die eigenen Position verzichtet wird, der andere zu verstehen versucht wird, und das Problem objektiv betrachtet wird, um gemeinsam Lösung und Ursache der Problemsituation zu finden. Känsterle müsste seiner Frau erklären, wie verletzt er durch ihre Inakzeptanz ist und dass er mit sich zufrieden ist, wie er ist, und sich für niemanden verbiegen müssen will. Seine Frau auf der anderen Seite müsste auch über ihre Unzufriedenheit sprechen, dass seine Teilnahmslosigkeit sie stört und sie sich durch das vermeintliche Desinteresse seinerseits ebenso verletzt fühlt, wie er. Genauso, dass es für sie wichtig ist, etwas nach außen darzustellen, und dass im Grunde genommen ihr Problem dabei liegt und nicht am grundsätzlichen Charakter ihres Mannes, der natürlich in diesem Zusammenhang nicht besonders förderlich ist. Alles in allem lässt sich allerdings sagen, dass realistisch betrachtet das Paar durch ihre mittlerweile grundsätzliche verschiedenen Ansprüche und Bedürfnisse in einer Partnerschaft nicht länger eine gemeinsamem Perspektive teilen.

Eine Trennung wäre wohl die beste Lösung für beide Parteien. Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.  

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