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  Deutsch spezialgebiet

Deutsch Spezialgebiet "Die NS-Zeit - Literatur als Zeitbild: Anhand von Zuckmayrs "Des Teufels General", Hackls "Abschied von Sidonie", Horvaths "Jugend ohne Gott" und dem Tagebuch der Anne Frank"      Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg im Spiegel des deutschen Dramas   ,,Wie tief der Einschnitt war, den das Jahr 1945 in die deutsche Geschichte machte, kann man kaum irgendwo anders so ablesen wie an der Literatur. Sie ist ein verletzlicher, leicht wandelbarer Bereich. In ihm wird empfindlicher reagiert als anderswo. Im vitalen Bereich wurde weitergelebt: an die Stelle der tödlichen Gefahren des Krieges und unterm totalitären Regime traten die Härten, Entbehrungen und Gefährdungen der Besatzungszeit. Man mußte sich weiterhin durchschlagen. Im politischen Bereich gab es plötzlich ein Vakuum: über Nacht hatte sich, schien es, mit dem Zusammenbruch der politischen Struktur, der NS-lnstitutionen, auch ihr ideologischer Inhalt ins Ungreifbare verflüchtigt.

Nazis schien es keine mehr zu geben. In das Vakuum traten diejenigen ein, die vor 1933 links von den Nazis gestanden und überlebt hatten - eine winzige, überlastete, bemühte Minderheit. Eine diffuse Situation. Sie stellte sich in der Literatur dar, vielfach auf eine Weise, die heute zugleich rührend und peinlich wirkt. Alles war unsicher und schwankend, die Vergangenheit fragwürdig und wegen ihrer unbeantworteten Fragwürdigkeit nahezu tabuiert, die Zukunft verhängt - die noch verbliebenen Energien waren nötig, um in der zur punktuellen Situation eingeschrumpften Gegenwart sich zu behaupten. Was das Theater anlangt.

so erlebte es in den ersten Jahren bis zur Währungsreform eine hektische Blütezeit: überall wurde gespielt, Scheunen, Turnhallen, Keller mußten herhalten. An kleinen und mittleren Orten sammelten sich einige versprengte Schauspieler und fingen an, in den größeren Städten etablierten sich die städtischen und staatlichen Bühnen, ün Frühsommer 1944 des totalen Krieges wegen geschlossen, bald wieder, meistens noch im Herbst 1945. Man wollte das Neue, hatte aber eigentlich anfangs nur das Alte zur Verfügung: Die Klassiker, Shaw, Hauptmann, Ibsen. Da und dort versuchte man's - mit enttäuschendem Ergebnis mit den Stücken von Wedekind, Sternheim, Georg Kaiser. Und schob mancherlei Unterhaltungsware, auch solche aus der Nazizeit, dazwischen, um das Publikum bei der Stange zu halten. Das Neue, das man vage und wenig zielbewußt suchte, kam von draußen.

Die Theateroffiziere der Besatzungsmächte offerierten es: Stücke von Thornton Wilder, Maxwell Anderson, Ardrey, Odets, Saroyan, O'Neill wurden von den Amerikanern angeboten, von den Franzosen solche von Anouilh, Sartre, Giraudoux, von den Engländern Werke von Priestley, von den Russen Stücke von Simonow und Ehrenburg. Den größten Eindruck machten wohl Anouilhs Antigone und Wilders Unsere kleine Stadt. Vor allein deshalb, weil beide Autoren ganz frei mit der Bühne schalteten: Wilder verzichtete auf Kulissen, ließ Requisiten pantomimisch andeuten. Ein Spielleiter conferierte. Dasselbe Mittel bei Anouilh, dazu ebenfalls der Verzicht auf die illusionistische Kulisse und darüber hinaus auf das historische Kostüm. Es ist heute eher komisch, nachzulesen, wie sich die neue Freiheit zum erstenmal auswirkte, auf ein Sollst nur routiniertes Stück: auf Axel von Ambessers 1946 uraufgeführte Komödie Das Abgründige in Herrn Gerstenberg.

Da trat auch der conferierende Spielleiter auf... Ein Hintertreppenroman, mit pappenen Konflikten, ohne jede Beziehung auf die prekäre Situation der Gegenwart von 1946...

Ein anderer, aber auch ein krasser Fall: Fred Dengers Stück Wir heißen euch hoffen (1947). Das hielt sich an den guten alten Naturalismus, führte in einen Keller unter Trümmern, zeigte eine Bande von asozial und kriminell gewordenen Jugendlichen. Eine grelle Kolportage-Handlung, Pubertätserotik wie in Ferdinand Bruckners Krankheit der Jugend aus den hektischen zwanziger Jahren Auch das bedeutendste und berühmteste Stück jener Jahre, Wolfgang Borcherts Droußen vor der Tür, im Februar 1947 als Hörspiel gesendet, im November des gleichen Jahres zuerst auf dem Theater gespielt, geht voll einem Grundkonflikt aus, der so allgemeingültig gar nicht war, wie Borchert ihn sah und mit sprachlichem Furor hinausschrie. Denn tut das Stück nicht so, als ob die aus Krieg und Gefangenschaft zurückkehrenden ehemaligen Soldaten auf eine intakt gebliebene, bürgerlich erstarrte Heimat gestoßen seien, die sie abwies und ausschloß? Dabei war ja der krasse Unterschied zwischen Front und Heimat, draußen und drinnen gar nicht vorhanden. Der totale Krieg hatte hier wie dort gewirkt. Zerstörungen, Verheerungen überall.





Natürlich hat es individuelle Fälle gegeben, in denen Heimkehrer feststellten, daß ihre Eltern umgekommen, ihre Frauen untreu geworden waren. Aber für eine so durcheinandergeschüttelte, in den großen Zusammenhängen scheinbar zerstörte, in den kleinen, intimen Gemeinschaften Ehe und Familie aber eher von der Not gefestigte Gesellschaft war Heimkehrerproblem bestenfalls eines unter vielen anderen. Borchert mußte schon arg übertreiben, sentimental und pathetisch aufhöhen, um sein Stück als signifikant erscheinen zu lassen. Eigentlich ist Draußen vor der Tür ein Nachklang des Expressionismus: der einzelne, ein radikal und zugleich vage Fühlender, der sich als Anti-Bürger. als Künstler, Fragender. Zweifelnder, Ausgeschlossener empfindet.

stößt schmerzhaft mit der Welt zusammen oder mit dem, was sein Affekt sich als Welt einbildet. Das isolierte, extrem introvertierte Ich allein ist von Belang - die anderen. die Geborgenen erscheinen als Schemen oder grelle Karikaturen. Mit ihnen ist kein Dialog möglich. Mißverständnisse sind zwangsläufig wie Verhängnisse. Beckmann, das große, sentimentale Ich, kann die Welt nicht konkret und real erfahren, dazu ist er außerstande.

.. Zwei Themen, die in den kommenden Jahren wiederkehrten, sind eingebettet in Borcherts manische Vision: Beckmann will dem Oberst ,die Verantwortung zurückgeben', die Verantwortung für einen Befehl, den er ,von oben' empfing und als Unteroffizier weitergab. Er hat dadurch - empfindet er - Soldaten in den Tod geschickt. Das andere Thema: wie kamen die kleinen Leute durch die Zeiten, wie wurden sie mit den politischen Umbrüchen fertig? ..

. Borcherts Stück, obwohl vielgespielt, blieb - zu Recht - folgenlos. Peter Rühmkorf (in seiner Borchert- Monographie) zieht folgende Summe: ,ein sogenanntes Zeit- und Gegenwartsstück' ... aber seine Tendenz ist gerade: Heraus aus der Zeit, heraus aus der Gegenwart.

' Seine Qualität liegt im manischen Nachdruck der Sprache. Diese Sprache ist im Grunde einfach, sie kennt kaum logische syntaktische Verknüpfungen. Borchert bevorzugt emotionale Aneinanderreihungen, die Steigerung durch Wiederholung. Er ist wie besessen von dem Bindemittel des Stabreims ...

Noch der Leser von heute schwankt, wie doch wohl auch das Publikum von damals, zwischen Faszination - durch die hochgerissene Exaltation der Sprache - und Langeweile -wegen der unablässigen Aneinanderreihung, Wiederholung."(H. Rischbieter, Deutsche Dramatik in West und Ost, S.42-44)Carl Zuckmayr: Des Teufels General  Biographie:   Carl Zuckmayer wurde am 27. Dezember 1896 in Nackenheim (Rheinhessen) als Sohn eines Fabrikanten geboren. 1900 kam Zuckmayer nach Mainz, wo er das Gymnasium von 1903-1914 besuchte.

Mit 18 Jahren (1914-1918) nahm er als Freiwilliger am Weltkrieg teil, den er allerdings kurze Zeit später verabscheute. Ab 1918 studierte er in Frankfurt/M. und Heidelberg zunächst Jura und Nationalökonomie, dann jedoch Literatur- und Kunstgeschichte. Außerdem belegte er einige Semester in Philosophie, Soziologie und Biologie. Nach den verschiedenen Studiengängen arbeitete er als Dramaturg in Kiel, wurde aber entlassen und wechselte ans Schauspielhaus München. Von 1924 an arbeitete er zusammen mit Berthold Brecht als Dramaturg an Reinhardts Deutschem Theater in Berlin.

Sein erster großer Erfolg "Der fröhliche Weinberg" brachte ihm 1925 den Kleist-Preis ein. Nach seiner Entlassung wegen Erfolglosigkeit bei Reinhardts Deutschem Theater lebte Zuckmayer als freier Schriftsteller zunächst in Salzburg dann in Berlin. 1929 erhielt der Autor den Georg-Büchner-Preis. 1930 schrieb er das Drehbuch zu dem Film "Der blaue Engel" nach dem Buch von Heinrich Mann "Professor Unrat". Sein öffentliches Auftreten gegenüber dem Nationalsozialismus und seine jüdische Abstammung mütterlicherseits führten 1933 zum Aufführungsverbot seiner Stücke. 1933-38 lebte er in Henndorf bei Salzburg, wo er bereits 1926 ein Haus gekauft hatte.

Nach dem »Anschluß« Österreichs entzog er sich der Verhaftung durch die Flucht in die Schweiz. Von dort emigrierte er über Kuba in die USA, wo er als Drehbuchautor und Dozent an Piscators »Dramatic Workshop« in New York arbeitete. Eine Art Reiseführer dieser Flucht erzählt seine Frau Alice in "Die Farm in den grünen Bergen". 1946 kehrte er als Zivilbeauftragter der amerikanischen Regierung für Kulturfragen nach Deutschland zurück, lebte aber ab 1951 nochmals in den USA. Später erhielt er den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt und 1957 den Dr. Phil.

h.c. der Universität Bonn. 1958 siedelte er in die Schweiz über und lebte in Saas-Fee (Wallis), wo er 1960 den großen Österreichischen Staatspreis und 1967 den Orden Pour le mérite für Wissenschaft und Künste erhielt. Zuckmayer starb am 18. Januar 1977 in Saas-Fee.

    Entstehung:   Carl Zuckmayr schrieb "Des Teufels General" auf seiner abgelegenen Farm im amerikanischen Bundesstaat Vermont, wo er die Kriegsjahre verbrachte. Grund für das Werk war der Tod seines Freundes Ernst Udet, der General der Deutschen Luftwaffe war. Von seinen Tod erfuhr Zuckmayer über amerikanische Medien, die schrieben, Udet sei bei einem Probeflug eines neuen Flugzeugs abgestürzt. Zuckmayer war von dieser Meldung bestürzt und schrieb in nur drei Wochen den ersten und letzen Akt seines Werks, für den Mittelteil brauchte er zwei Jahre und war mit dem Ende des zweiten Weltkriegs auch fertig mit seinem Stück.      Inhalt:   Im "Spätjahr 1941, kurz vor dem Eintritt Amerikas in den Krieg", treffen sich in "Ottos Restaurant" einem exklusiven Berliner Nachtlokal der Naziprominenz, die scheinbar exemplarisch, im Grunde aber klischiert gezeichneten Gestalten der Zeit auf einer ausgelassenen Party des General Harras: der doktrinär linientreue "Kulturleiter" Dr. Schmidt-Lausitz, der naiv gläubige Nationalsozialist Oberst Eilers, dessen "fünfzigster Luftsieg" gefeiert wird, der opportunistische aristokratische Waffenlieferant von Mohrungen, dessen Tochter, das kesse BDM- Mädchen "Pützchen", die gefeierte Operettendiva Olivia Geiß, die heimlich ihren jüdischen Freunden zur Flucht ins Ausland verhilft, mehr oder weniger plastisch gezeichnete Offiziere wie etwa Pfundmayer, "Typus bayrischer Kraftlackel" - schließlich der verehrte und gefürchtete, geliebte und gehaßte Hauptheld General Harras, stilisiertes Nachbild des Fliegergenerals Ernst Udet.

Mit kalauernder ("Das walte Himmler"), kaltschnäuziger Schnoddrigkeit schwadroniert er unbekümmert vor seinen entsetzten, heimlich entzückten oder rachsüchtig intrigierenden und spitzelnden Zuhörern über die "miesen Typen" des Regimes, dem er doch seine militärische Karriere verdankt. Aus Sentimentalität, um der "alten Mutter" den Spaß an seinen Orden und Heldentaten nicht zu verderben, und aus Begeisterung für das Fliegen hat er sich dem "Teufel" Hitler verschrieben - ohne Skrupel über die sich daraus ergebenden politischen und moralischen Konsequenzen: "Sie haben mich gebraucht - und sie brauchen mich jetzt erst recht. Außerdem - es ist mir wurscht." Ganz so "wurscht" scheint es ihm indes doch nicht zu sein: Er weigert sich in "die Partei" einzutreten, und hilft seiner Freundin Olivia und deren in zarter Liebe zu ihm entflammten Nichte Diddo zuliebe einem jüdischen Chefarzt (!) über die Grenze. Wegen seiner militärischen Erfolge genießt er weitgehend Narrenfreiheit, bis ihm die unerklärliche Kette der durch Materialschäden verursachten Abstürze seiner Kampfmaschinen zum Verhängnis wird. Von der Gestapo ultimativ zur Aufklärung dieser "Unfälle" gezwungen, entdeckt er schließlich in seinem besten Freund, dem verantwortlichen Chefingenieur Oderbruch, den Haupttäter.

Oderbruch, ein idealistischer Widerstandskämpfer, der auch in der überarbeiteten Schlußfassung von 1966 nicht zu einer klar umrissenen Gestalt, versucht Harras von der Notwendigkeit der Sabotageakte zu überzeugen und zur Mitarbeit in seiner Organisation zu bewegen. Doch für den ist es zu spät: "Wer auf Erden des Teufels General wurde und ihm die Bahn gebombt hat - der muß ihm auch Quartier in der Hölle machen", verabschiedet sich Harras, besteigt eine der defekten Maschinen und stürzt kurz nach dem Start in den Heldentod.     Dichtung als Zeitbild anhand des Stücks:   General Harras und das deutsche Schicksal:   General Harras, ein künstlerisches Porträt von Zuckmayers Freund Ernst Udet, ist ein Mensch, der gegen die Gesellschaft seiner Zeit zu stehen kommt, und in Gewissensnot gerät, weil er sich in Schuld verfangen hat. In der Person und dem Geschick seines General Harras stellt Zuckmayer die Frage: Wie war es möglich, daß das deutsche Volk, wenn nicht in seiner Gesamtheit, so doch in führenden Schichten, dem Teufel, dem Bösen verfiel? Doch ist dieser General Harras nicht etwa die Allegorie des deutschen Schicksals in der Nazizeit. Denn der Dichter versuchte ein Individuum zu bilden und keinen Typus, nur einmal wird kurz angedeutet, daß Haltung und Schicksal des Harras für Haltung und Schicksal der Deutschen steht. Als Oderbruch fragt: "Wissen sie einen anderen Weg?", antwortet Harras "Wenn ich ihn wüßte - wüßten ihn Millionen" Und doch weist Harras Züge auf, wie sie auf viele Millionen Deutsche in der Nazizeit zutreffen.

Er ist nicht der Nationalsozialist, spottet und schimpft über die Bonzen, stellt sich aber dem Regime zur Verfügung, fügt sich, läßt sich solange alles gut geht, solange das Regime Arbeitmöglichkeiten, Aufstieg, Entfaltungsmöglichkeiten und Siege bringt, von ihm tragen. Im Laufe der Zeit gehen ihm immer mehr die Augen au. Aber er hat nicht mehr die Kraft sich dem Regime zu widersetzen, er ist schon zu tief in dessen Maschen verfangen. Im Prinzip ist der Charakter ein guter, aber er stellt sich in den Dienst des Bösen, deren Fesseln er sich nicht entwinden kann. So wird er schuldig und nur der Tod - für das deutsche Volk der Untergang als Volk - kann ihn entsühnen. Alle diese Eigenschaften treffen sowohl auf Harras als auch auf viele seiner Landsleute zu, und Zuckmayer zeigt hiermit die Situation der Bevölkerung anhand einer einzelnen Figur, jedoch ohne sie als Typus darzustellen, vielmehr als Möglichkeit sich mit ihr in einzelnen Punkten zu identifizieren und zu messen.

Doch der Held seines Dramas steht nicht allein für Deutschland. Ihm gegenüber stehen auf einen Seite die Vertreter des Nationalsozialismus, auf der anderen Vertreter des Widerstands. Andere typische Gestalten ergänzen, so entsteht das Milieubild des deutschen Lebens im Hitlerkrieg.   Oderbruch und das Problem des Widerstands:   Neben der Titelfigur ist der Chefingenieur Oderbruch ein wichtiger Teil der Problematik in dieser Zeit - das Problem des Widerstands gegen einen Unrechtsstaat. Denn dieser Widerstand ist, zumindest formal- rechtlich gesehen, Verletzung der Treue- und Gehorsamspflicht; er kommt dem Landesverrat gleich. Nicht nur der Hitlerstaat wird ja durch die Sabotageakte Oderbruchs gefährdet, sondern der Fortbestand der wird aufs Spiel gesetzt.

Oderbruch hat sich dafür entschieden, das Gebot des Gewissens höher zu achten als die Existenz der Nation. Dieses Problem hatte nicht nur Oderbruch, es ist auf viele Deutsche die einer Widerstandsbewegung angehörten zu projezieren. Doch meiner Meinung nach zählt nicht nur das Problem, das der Widerstand mit sich bringt, es zählt vielmehr der Wille zum Widerstand bzw. der Widerstand selbst. Zuckmayer will mit Oderbruch auch einen "Typus" in seine Milieuschilderung bringen, der weder dem Nationalsozialismus ausnützt noch von ihm abhängt. So versucht er dem Zuseher klarzumachen, daß nicht alle sog.

Nazis waren, sondern es auch Menschen gab, die nicht nur redeten, wie Harras, sondern auch Taten setzten. So gesehen, kann man Oderbruch als Gegenspieler zu Harras betrachten.   Leutnant Hartmann und die deutsche Jugend:   Besonders die durch den Nationalsozialismus irregeleitete Jugend durfte sich durch "Des Teufels General" angesprochen fühlen, da Zuckmayer im Leutnant Hartmann eine Figur geschaffen hatte, die die Hoffnung Deutschlands auf eine bessere Zukunft zu verheißen schien. Hartmann war und ist ein Symbol für viele Deutsche, die das selbe Schicksal erlitten wie er, auch sie wurden mit dem Nationalsozialismus großgezogen und kannten nichts anderes, so war es für die Jugend schwer eigene Meinungen zu entwickeln. Sie konnten meist erst gegen Ende des Krieges feststellen, welchem System sie da verfallen waren, und dann war es zu spät. Dieses Schicksal trifft auf sehr viele Deutsche, Österreicher, Japaner und Italiener zu, und deswegen kann man Leutnant Hartmann als globale Figur, die den zweiten Weltkrieg symbolisiert, sehen.

   Ödön von Horvath: Jugend ohne Gott:  Biographie:   Ödön von Horváth: geboren am 9. 12. 1901 in Fiume (Rijeka, HR), gestorben am 1. 6. 1938 in Paris (Unfall). Er war der Sohn eines österreichisch -ungarischen Diplomaten, lebte ab 1923 als Schriftsteller in Berlin und Murnau (Bayern).

Aufgrund von nationalsozialistischer Repressalien lebte er von 1933-38 in Wien, emigrierte im März 1938 nach Paris. Seine Stücke stehen in der Tradition des Wiener Volksstücks und der österreichisch sprachskeptischen Literatur. Vor allem durch die Demaskierung kleinbürgerlicher Sprache ("Bildungsjargon") und Verhaltensweisen übte er radikale Sozialkritik, wobei besonders die Frauen als Opfer erscheinen. In seinem Spätwerk, den Romanen "Jugend ohne Gott" (1937) und "Ein Kind unserer Zeit" (1938) befaßte er sich mit dem Aufstieg des Faschismus. 1931 erhielt er den Kleist-Preis. Weitere Werke: Romane und Prosa: Sportmärchen (ab 1924 in der Zeitschrift "Simplicissimus"); Der ewige Spießer, 1930.

Dramen: Revolte auf Côte 3018, 1927 (neue Fassung unter dem Titel "Die Bergbahn", 1928); Sladek, der schwarze Reichswehrmann, 1930; Ital. Nacht, 1931; Geschichten aus dem Wienerwald, 1931; Kasimir und Karoline, 1932; Glaube, Liebe, Hoffnung (Ein Totentanz), 1932; Die Unbekannte aus der Seine, 1933; Hin und Her, 1933; Figaro läßt sich scheiden, 1934; Don Juan kommt aus dem Krieg, 1937; Pompeji, 1937; Der jüngste Tag.   Entstehung:   Sein, 1937 in Henndorf bei Salzburg, entstandener Roman "Jugend ohne Gott", hat als Grundlage ein Dramenfragment ("Der Lenz ist da! Frühlingserwachen in unserer Zeit."), in dem er sich schon mit militaristisch- autoritären Staat beschäftigt. Weiters hält er sich an eine, 1935 entstandene, Romanskizze, in der schon von "Radiopropaganda" die Rede ist, und er sich ebenfalls mit der im Roman behandelten Problematik, ernsthaft auseinandersetzt. Grund für seine Überlegungen zum Thema Jugend im Faschismus, war die politische Situation zu dieser Zeit.



  Inhalt:   Ein junger, idealistischer, an humanistischen Idealen orientierter Lehrer übernimmt im faschistischen Vorkriegsdeutschland eine neue Schulklasse. Er steht einer faschistisch eingestellten Klasse gegenüber, die ihn als Lehrer ablehnt. Als die Schulklasse in den Osterferien in ein militärisches Ausbildungslager fährt, kommt es unter den Schülern zu einem Diebstahl. Der Lehrer, der sich bemüht das Verbrechen aufzuklären, kommt im Verlauf seiner heimlichen Nachforschungen in den Besitz des Tagebuches eines Schülers, verschweigt aber aus Feigheit seine Tat und macht sich so am Streit zweier Schüler und dem folgenden Mord mitschuldig. Nachdem noch das Verhältnis einer der Jungen, der für den Diebstahl mitverantwortlich ist, mit einem fremden Mädchen ans Licht kommt, sieht sich der Lehrer verstrickt in ein ”Leben des Elends und der Widersprüche”. Bei einer Gerichtsverhandlung gesteht er die Wahrheit und rüttelt so das Gewissen der anderen Zeugen wach.

Dadurch kann er, unterstützt von einigen Jugendlichen, den wahren Mörder entlarven.  Dichtung als Zeitbild anhand des Romans:   Wie schon im zuvor besprochenen Werk greift der Autor den Faschismus insbesondere die Jugend im Nationalsozialismus als Grundproblematik seines Werkes auf. Parallelen sind besonders in den behandelten Personen zu erkennen, so hat Horvath ebenfalls drei Gruppen von Menschen im Nazi- Regime charakterisiert: Die erste erfaßt diejenige, die der Ideologie gegenüber aufgeschlossen sind, sie kritiklos akzeptieren, verinnerlichen, ja sogar verteidigen. (z.B.: Bäckermeister N und sein Sohn - vgl.

Schmidt- Lausitz). Die zweite und bei weitem größte Gruppe unter den Handelsfiguren vereint diejenigen, die sich im System einrichten, ohne die Ideologie wirklich zu übernehmen. Sie verhalten sich ihr gegenüber weitgehend passiv bzw. gleichgültig, haben mitunter sogar innere Vorbehalte, zeigen diese aber aus Opportunismus oder auch nur aus Angst vor Repression nicht nach außen. (z.B.

: der Lehrer- vgl. Harras, Hartmann) Die dritte Gruppe ist sehr klein, zu ihr gehören der Julius Cäsar, der Pfarrer und später der Lehrer. Diese Gruppe zeichnet sich durch eine ablehnende Haltung gegenüber der neuen Ideologie aus. Sie verweigert bzw. entzieht sich dem System, leistet aber bestenfalls passiven bzw. geistigen Widerstand.

(vgl. aktiver Widerstand von Oderbruch) Im folgende Absatz behandle ich einige thematische Schwerpunkte im Bezug auf die damalige Zeit näher: Horvath beschreibt in seinem Werk einen faschistischen Menschen (in der Person des Lehrers), an dem die Zweifel nagen - oder besser gesagt er beschreibt den Menschen im Faschismus bzw. Nationalsozialismus. Dies ist eines der Kernthemen, das, wie schon bei Zuckmayer, den "durchschnittlichen" Nazi behandelt, und deutlich zeigt, daß es den Nazi, so wie man ihn sich vorstellt im Großteil der Bevölkerung, nicht gegeben hat. Er räumt hier nicht nur unbewußt mit einem Klischee auf, sondern zeigt auch deutlich, wie eine Ideologie so an Zulauf gewinnen kann. Ein Grund, so Horvath, ist der Antiintellektualismus, der das Volk blind macht, indem es nicht denkt.

"Das Denken ist den Anhängern der Ideologie verhaßt, und Humanität wird zur Humanitätsduselei". Ein weiterer, viel schwerwiegender Grund ist die Überbewertung der eigene Gruppe und eine rassistisch wie sozialdarwinistische gefärbte Argumentation zu deren Begründung. Dies verknüpft mit Opferbereitschaft, die in solchen Fällen meist auftritt, führt zur Verdammung jeder Form von Individualismus. "Sie wollen Maschinen sein [...

] und noch lieber Munition" Wozu diese Ansichten führen können, sieht man nicht nur am Nationalsozialismus, und ist nicht nur Vergangenheit, sondern, im Gegenteil, hat noch immer Aktualität. Ein weiterer wichtiger Faktor für das Funktionieren einer Ideologie, ist die gezielte Ausbildung der Jugend, in die vom Staat vorgeschriebene Richtung. Auf diesen Aspekt legt der Autor besonders großen Wert, und zeigt wie durch gezieltes Drillen der junge Mensch auch später noch vom Weiterdenken abgehalten werden kann (vgl. Pützchen). Doch Horvath spricht noch einen weiteren Aspekt an der jeder Ideologie verhaßt ist: die Kirche. Nicht umsonst versucht jede Ideologie jegliche Religion zu verbieten, und sie durch ihr Programm zu ersetzen.

Grund hierfür ist die Religion selbst, sie könnte Menschen zum Denken anregen, und intellektuelle Priester könnten die Probleme der Ideologie erkennen und weiterverbreiten. Dieses Problem spricht der Autor schon im Titel an und baut es noch weiter im Dialog Lehrer- Pfarrer aus. Das folgende Beispiel, soll zeigen, wie weit es die Nationalsozialisten mit "ihrer Religion" getrieben haben: Die Nationalsozialisten versuchten, Hitler wie einen Gott darzustellen. Das sieht man auch an dem Tischgebet eines nationalsozialistischen Kindergartens: "Führer, mein Führer, von Gott mir gegeben, beschütz’ und erhalte noch lange mein Leben! Hast Deutschland gerettet aus tiefster Not, Dir danke ich heute mein tägliches Brot. Bleib noch lange bei mir, verlaß mich nicht, Führer, mein Führer, mein Glaube, mein Licht! Heil mein Führer!" (L. Mosse, Der nationalsozialistische Alltag.

Königstein 1979. S. 268 zitiert nach Bernhard Heinloh (Hrsg.), Oldenbourg Geschichte für Gymnasien 9. München 1994. S.

167) Dies spricht gleich ein weiteres, schon vorher erwähntes, Problem an: die Jugend im Nationalsozialismus, erläutert und besprochen anhand historischer Fakten: "In besonderer Weise versuchten die Nationalsozialisten, die Jugend für sich zu gewinnen. Die Hitlerjugend zählte kurz vor dem Regierungsantritt Hitlers etwa 10000 Mitglieder. 1933 wurden viele Jugendgliederungen entweder freiwillig oder zwangsweise gleichgeschaltet. Die Mitgliederzahl wuchs bis 1934 auf 3.5 Mill. Die Jugendlichen wurden zu Soldaten erzogen.

" (Franz Hofmeier (Hg.), Wege durch die Geschichte. Band 4. Berlin 1994. S. 153) 1.

Schulerziehung: Die NS - Parteiführer versuchten die Schulen dem kirchlichem Einfluss durch Gründung staatlicher Gemeinschaftsschulen zu entziehen. Lehrpläne und Schulbücher spiegelten die NS - Weltanschauung wider. Schüler bespitzelten Mitschüler und Lehrer denunzierten andere Lehrer wegen parteischädigender Äußerungen. Für Lehrer gab es den NS - Lehrerbund, in dem alle Lehrer Mitglieder sein sollten. Das wichtigste Fach war im Dritten Reich Biologie. Man verstand darunter keine wirkliche Naturkunde, sondern eine Rassenideologie, die nun von klein an den Schülern eingetrichtert wurde.

Nur die Menschen arischer Abstammung wurden als wirkliche Menschen angesehen. Das zweitwichtigste Fach war Leibesübung. An erster Stelle stand hier "das Heranzüchten kerngesunder Körper. Erst in zweiter Linie kommt dann die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten." (Adolf Hitler: "Mein Kampf") Diese Ausbildung sollte als Vorbereitung für den Wehrdienst dienen und den arischen Gedanken unterstützen. Beides kommt im Roman vor.

Im Ferienlager werden die Jungen auf den Krieg vorbereitet. Die Verbreitung des arischen Gedankens sieht man daran, dass der Lehrer Schwierigkeiten bekommt, weil er sagt, auch Neger seien Menschen. Deutsch und Geschichte gebührte die nächste Rangstufe im NS-Erziehungssystem. Das Wesentliche dieser Fächer wurde durch ideologische Propaganda ersetzt. Die Jugendlichen sollten die Grundzüge deutschen Wesens erkennen: deutsches Denken und Handeln wie zum Beispiel Heldentum, Ehre, deutsche Mannhaftigkeit, deutsche Sitte, deutsche Ehre, innere Freiheit und den deutschen Königs- und Führergedanken. So wurden zum Beispiel in Geschichte Themen wie "Der deutsche Arbeiter unter volksfremder marxistischer Führung" oder "Die Wiedergeburt des deutschen Volkes im Weltkriege" behandelt.

Der Aufsatz, den die Schüler im Roman schreiben müssen, passt in diesen Zusammenhang. Denn er hat das Thema "Warum müssen wir Kolonien haben?" (S. 12) Die übrigen Fächer spielten keine wesentliche Rolle im Nationalsozialismus. Dies zeigt sich besonders darin dass in einer grundlegenden theoretischen Erziehungsschrift der NS-Zeit die Fächer Biologie, Deutsch, Leibeserziehung und Geschichte 39 Seiten einnehmen, die Naturwissenschaften (Mathematik, Physik, Chemie und Erdkunde) jedoch nur eine. 2. Erziehung in anderen Organisationen: Außer der Schule gab es noch andere Organisationen, die die Jugend nationalsozialistisch erzogen.

Die meisten Jungen waren in der Hitler-Jugend, die meisten Mädchen waren im Bund Deutscher Mädel. Dort wurden fast die selben Sachen unternommen wie im Ferienlager im Roman. Die Ziele sind im "Gesetz der Hitler-Jugend" vom 1.12.1936 zusammengefaßt: "Von der Jugend hängt die Zukunft des deutschen Volkes ab. Die gesamte deutsche Jugend muß deshalb auf ihre künftigen Pflichten vorbereitet werden.

Die Reichsregierung hat daher das folgende Gesetz beschlossen, das hiermit verkündet wird: §1 Die gesamte deutsche Jugend innerhalb des Reichsgebietes ist in der Hitler-Jugend zusammengefaßt. §2 Die gesamte deutsche Jugend ist außer in Elternhaus und Schule in der Hitler-Jugend körperlich, geistig und sittlich im Geiste des Nationalsozialismus zum Dienst am Volk und zur Volksgemeinschaft zu erziehen. (...)  Erich Hackl: Abschied von Sidonie:  Erich Hackl beschreibt in seiner Erzählung ein Einzelschicksal, nämlich jenes eines Zigeunermädchens, das in Österreich unter dem Nationalsozialismus keine Chance zu überleben hat.

Das Mädchen, Sidonie Adlersburg, erleidet dasselbe Schicksal wie Millionen andere Menschen, die ebenfalls in einem Konzentrationslager umgekommen sind. Somit unterscheidet sich dieses Buch von den zuvor analysierten in der Hinsicht, daß hier das Problem der "Vernichtung der Rassenfremden" angesprochen wird, und das Milieu des Nazi- Regime wird aus einer ganz anderen Perspektive gesehen. Als Säugling wird Sidonie Adlersburg im August 1933 vor den Pforten des Krankenhauses Steyr in Lumpen gehüllt aufgefunden. Sofort versucht man, die leiblichen Eltern des Mädchen ausfindig zu machen. Diese Suche verläuft zunächst aber erfolglos. Angesichts der besonders tristen wirtschaftlichen Lage der Stadt Steyr bemüht man sich, Pflegeeltern für das Kind zu finden.

Die Familie Beirather nimmt sich zunächst des Mädchen an. Sidonie, die an der englischen Krankheit, einer mangelten Verkalkung des Knochengewebes, leidet, entwickelt sich nur langsam und bekommt mehr und mehr die rassistischen Einstellungen ihrer Mitmenschen zu spüren. Die Lage spitzt sich zu, die leibliche Mutter kann ausgeforscht werden, und Sidonie wird schließlich am 30. März 1943 an diese überstellt. Ihr Todesurteil ist damit gefällt. Mit dem letzten Transport wird sie gemeinsam mit ihrer Familie nach Auschwitz gebracht.

Von ihrem Bruder, Joschi Adlersburg, erfährt der Leser, daß sie im Konzentrationslager Auschwitz- Birkenau umgekommen ist. Sidonies Schicksal ist, wie bereits erwähnt, nur eines von vielen ähnlichen. Auf welche Weise Erich Hackl gerade auf den Lebensweg dieses einen Mädchen gestoßen ist, soll nun in dem nun folgenden Kapitel behandelt werden.   Entstehung und Autorintention:  Es handelt sich hierbei um eine authentische Geschichte, sowie "Auroras Anlaß", ebenfalls ein Werk von Erich Hackl. "Die Geschichte der Sidonie Adlersburg hat sich in Steyr, Hackis Geburtsstadt, wirklich abgespielt, wie er sie berichtet. Kaum etwas ist erftinden: auch nicht der brutale Eifer, mit dem die Jugendamtsleiterin Käthe Korn, der Oberlehrer Frick und die Betreuerin Cäcilie Grimm nicht mehr Grunde zum Leben, sondern nur noch Gründe zum Töten des Kindes suchten.

" (Frankfurter Allgemeine, 1. 7. 1989) Auch dieses Buch ist ein Ergebnis von jahrelangen Recherchen. (vgl. Rybarski: Zu Tode zitiert - Profil 17. 7.

1989, S.80) Konkret stieß Hackl auf den Fall Sidonie während seiner Recherchen über das Jahr 1934 für ein Radiofeature. Allerdings konnte die gesamte Menge des recherchierten Materials innerhalb dieses Radiofeatures nicht bearbeitet werden. In der Folge wurden Dokumente ausfindig gemacht und in der Gegend, in welcher Sidonie lebte, Zeugen befragt. Diese Zeugen waren die Menschen im Umkreis von Sidonie, vor allem aber die Pflegemutter, der Pflegebruder und der leibliche Bruder des Mädchens. Dann entstand eine kurze Erzählung für das ,,Tagebuch", "Hackls literarisch-journalistischer Heimat" (Rybarski: Zu Tode zitiertm, S.

81). Normalerweise entsteht ein Film zu einem Buch erst nach dem Erscheinen des Buches. Nicht so bei ,,Abschied von Sidonie". Bei diesem Projekt entstanden die Erzählung und das Buch fast gleichzeitig. Hackl selbst schildert seine Probleme bei der Verarbeitung dieses Stoffes folgendermaßen: "Ich hatte das Gefühl, daß ich es nicht mehr schaffen würde, die Erzählung zu schreiben, dem Dokument so treu zu bleiben, daß sich die Menschen, die noch leben, wiedererkennen und einverstanden sind und andererseits einen Text zu schreiben, der auch literarische Oualitäten besitzt. Und in diesem Moment des Zweifels gab es das Angebot vom ORF, ob ich eine Idee für ein Drehbuch hätte.




Da war einer meiner beiden Vorschläge die Geschichte von Sidonie, auch mit dem Hintergedanken, daß, wenn ich die Erzählung nicht schaffe, ich vielleicht das Drehbuch schaffe, und es ist etwas für die Familie getan. Und dann, als ich das Drehbuch fertig hatte, hatte ich den Schwung, mit der Erzählung weiterzumachen." (Hackl: Anhang, S.136) Mit diesen Worten deutet Erich Hackl bereits den Grund an, warum er eine derartige Erzählung verfaßt hat. Seine Gründe für das Verfassen dieser Erzählung nennt er aber auch mehrmals innerhalb der Erzählung: ,,Alle taten, als hätte es Sidonie nie gegeben."(Hackl: Abschied von Sidonie, S.

118) Und weiter: ,,Es bedurfte erst der Umtriebe des Chronisten, bis das Netz des Schweigens zerriß." (ebenda, S. 120) Hackls Intentionen werden schon in diesen zwei Textstellen deutlich. Er wollte einfach an ein Mädchen erinnern, an einen Menschen, der wie viele andere Opfer eines politischen Systems wurde. Indirekt verurteilt er auch jene Menschen, die Sidonie ,in den Tod getrieben haben', jene Leute, die, wenn sie gewollt hätten, das Leben des Mädchens hätten retten können. Diese Anklage wird besonders deutlich, als der Erzähler sein Buch mit dem Bericht vom Schicksal eines anderen Menschen beendet.

Sidonies Bruder, Joschi Adlersburg, hat ihm von einem Mädchen erzählt, das von ihren Mitmenschen gerettet wurde. "Und doch besteht einer, der es wissen muß und Joschi Adlersburg heißt, darauf, daß sich auch das nicht zu Erwartende zugetragen hat, nicht in Letten, sondern 160 Kilometer weiter südlich, in der Steiermark, in einer Ortschaft namens Pölfing-Brurin, das Kind hieß nicht Sidonie, sondern Margit und lebt heute noch, eine Frau von 55 Jahren, und kein Buch muß an ihr Schicksal erinnern, weil zur rechten Zeit Menschen ihrer gedachten." (Hackl: Abschied von Sidonie, S.128)Des Autors Intentionen sind in dieser Textstelle offensichtlich. Indirekt will er seinen Lesern sagen: ,,Sidonie hätte nicht sterben müssen. Sie hätte von ihren Mitmenschen gerettet werden können.

Ihr Leidensweg hätte verhindert werden können." Auf diese Weise erhält die Erzählung am Ende eine besonders tragische Dimension.   Sprache und Stil:   Erich Hackl bedient sich in "Abschied von Sidonie" der distanzierten Erzählweise, diese aber unterbrochen, als er sich selbst als Chronist in die Erzählung einbringt. Dies geschieht an jener Textstelle, an der er berichtet, wie Sidonie sich von ihrer Pflegefamilie trennen muß, um an ihre Mutter überstellt zu werden: "Das ist die Stelle, an der sich der Chronist nicht länger hinter Fakten und Mutmaßungen verbergen kann. An der er seine ohnmächtige Wut hinausschreien möchte. Sidonies Ahnungslosigkeit.

Ihre plötzliche Furcht. Wie sie sich halb umdreht und an Josefa klammert. Sidonies Tränen. Josefas hilfloser Versuch, das Mädchen zu trösten. Du mußt tapfer sein, Sidi. Ich will nicht zu dieser Frau fahren.

Du mußt. Ich will bei dir bleiben. Das geht nicht. Du mußt mitfahren. Ich kann nicht. Ich komm zurück.

Wir vergessen dich nicht. Grüß alle schön von mir. Wein nicht. Ich wein ja gar nicht. Es wird alles gut." (Hackl: Abschied von Sidonie, S.

100 f.) Erich Hackl hatte offenbar seine Gründe für das Durchbrechen dieser distanzierten Erzählweise. Er versucht, seine sprachliche Entscheidung zu rechtfertigen. Ein Grund war für ihn, daß er in diese Geschichte emotional sehr verstrickt war. Sidonies Schicksal spielte sich ganz in der Nähe seiner Heimatstadt Steyr ab. Außerdem lernte er die Menschen, die Sidonie Adlersburg nahestanden, persönlich kennen.

Dieser emotionale Bezug zu den Verwandten und zur Pflegefamilie Sidonies, die er durch die relativ lange Beschäftigung mit dem Stoff aufbauen konnte, veranlaßten den Schriftsteller, die distanzierte Erzählweise zu durchbrechen. Hackl selbst nannte auch noch einen anderen Grund für seine Entscheidung, sich selbst in die Geschichte einzubringen: "Der zweite Grund hängt damit zusammen, eine Entscheidung einen Moment lang zurückzunehmen, und zwar die Entscheidung, eine literarische Form zu wählen, in diesem Fall eine Erzählung, und damit klarzumachen, daß dieser Text nicht nur eine fiktive Ebene hat, sondern auch eine reelle." (Hackl: Anhang S.135) In diesem Sinne erscheint Hackls Durchbrechen der distanzierten Erzählweise sinnvoll. Die negativen Kritiken, die ihn für diesen Schritt zugetragen wurden, hält er eher für die Resultate von Fehlinterpretation.Durch verschiedene Stilmittel, welche Hackl in seiner Erzählung ,,Abschied von Sidonle" einsetzt, macht er den Leser gleichsam zum Augenzeugen.

Dies geschieht zum Beispiel dadurch, daß er die direkte Rede durch keinerlei Satzzeichen von der übrigen Erzählung unterscheidet, was er in jeder der drei Erzählungen gleichermaßen handhabt. Dadurch wird eine Nähe zwischen den Lesern und den im Buchdargestellten Personen erzeugt, die es ersteren erlaubt, mit den Protagonisten mitzufühlen. Dieses Mitleiden wird noch verstärkt ermöglicht an jener Stelle, an welcher der Chronist sich selbst in die Erzählung einbringt. Spätestens dann weiß der Leser, daß sich diese Geschichte tatsächlich zugetragen hat und daß es sich um eine authentische Geschichte handelt. Der Schriftsteller Erich Hackl schafft es also durch verschiedenste Stilmittel, daß seine Leser mit dem Mädchen und der Pflegefamilie mitfühlen.   Dichtung als Zeitbild anhand des Werkes:   Folgende Tabelle stellt die Biographie Sidonies den geschichtlichen Ereignissen gegenüber und soll die den historischen Hintergrund und die Situation in der damaligen Zeit deutlicher machen:   Sidonies Biographie   Geschichtliche Umstände 1933: Sidonie wird gefunden, Jugendamt (S.

7-10) Magistrat Steyr, Anna Derflinger (- 14)   Familie Breirather nimmt Sidonie auf, erste Begegnung mit Hans, Arzt Schönauer (-30)   Josefa und Sidonie allein, Heirat im Gefängnis auf Druck Pfarrer (-46)   Sidonie und die Kinder, Kontrolle durch Fürsorge (-53)   Sidonie in der Schule, (plötzlich fehlen Zigeuner im Ort), Aufsatz für Hitler ==> Streit über ihre Herkunft, Verhältnis der Nachbarn Krobath zu Sidonie, Firmung Frau Hinteregger (Szene mit dem Jungen in Linz) (-79)   Angstvolles Warten auf Schreiben, Reaktionen der Beteiligten (Josefa bei Grimm, Käthe Korn) (- 94)   Abreise nach Hopfgarten, Sidonie wird von Grimm begleitet, die dem Chronisten Jahre später davon berichtet (- 101)   Übergabe Sidis an Bürgermeister   letzte Nachricht: Zug in Linz Hbf. (- 111)   Kriegsende, Hans Bürgermeister, Nachforschungen nach Sidi: erfährt 1947, daß sie in Auschwitz an Flecktyphus gestorben ist (-116) soziale Situation in Steyr (-12)   Biographie Hans/Josefa (-20): Wirren der 1. Republik, sozialistische Überzeugung   Februar 1934 und Folgen, Hans Gefängnis, Verhaftungen, Plünderungen (-40)   viele Arbeiter laufen zu Heimwehr/NSDAP über, Hans hört im Radio Hitlerreden (-47)   Einrichtung einer zentralen Zigeunerstelle/Wien (-55)   1938: Einmarsch Nazis, steigende Angst um Sidi, Wiederaufnahme Waffenproduktion in Letten, Zwangsarbeiter, Aufbau des Widerstandes, Denunziation, Hinrichtung des Polen und Anprangerung der Magd (-68)   Rückblende: Anfrage Kripo Innsbruck, Korn sammelt Gutachten über Sidonie bei Schuldirektor, Lehrerin, Bürgermeister, Oberinspektor Schiffler >>> alle befürworten ohne Zwang eine Überstellung Sidis (-94)   Geschichte Hopfgartens - Ansiedlung der Zigeuner, bevor sie deportiert werden (- 108)   Erinnerung an Nazi-Zeit wird verdrängt: keine Mahnmal, keine Erwähnung im Heimatbuch, erst sehr viel später Gedenktafel auf Initiative des Chronisten (-121     Hackl beschreibt nicht nur die Situation der Menschen, vor allem derer, die nicht einverstanden waren mit der herrschenden Ideologie, sondern er spricht auch ein Thema an, daß in den vorher behandelten Werken nicht angesprochen wird: Die systematische Vernichtung von Menschen, die nicht in das Programm der Nazis paßte. Doch in seiner Erzählung sind es nicht die Juden die verfolgt werden, es ist eine Gruppe, die meist nicht erwähnt wird, aber genauso gelitten hat, wie die Juden: die Roma und Sinti auch als Zigeuner bekannt. Wie die Erzählung zeigt wurden auch sie systematisch verfolgt und "vernichtet". Da diese Erzählung ein Einzelschicksal darstellt und nicht verallgemeinert wird, spiegelt sie das Leiden der Zigeuner besonders kraß wider.

Dazu sollte man vielleicht die Geschichte der Zigeuner miteinbringen, die, genauso wie die Juden, eine schon immer verhaßte Gruppe war. Bereits 1899 begann in Bayern eine systematische Überwachung der Volksgruppe durch die Polizei, die weitergeführt wurde und zu einer "Überwachungs- und Erfassungszentrale" in München 1926 führte, also schon vor Hitler. In den "Nürnberger Rassengesetzen" wurde schließlich die "Mischehe" mit Zigeunern verboten. Und 1936 wurde dann mit Deportationen und Zwangsterilisierungen begonnen. 1940 begann schließlich die "endgültige Vernichtung" im KZ Auschwitz. Doch das fatale ist das auch noch nach 1945, die Totalerfassung der "Landfahrer" fortgesetzt wurde und ihnen eine Wiedergutmachung bis in die 60er Jahre verweigert wurde, mit der Begründung, sie seien nicht aus rassistischen Gründen in die KZs gebracht worden, sondern sie wurden wegen ihrer "asozialen und kriminellen Haltung verfolgt und inhaftiert".

Erst 1982 anerkennt der deutsche Staat sie als Opfer eines Völkermordes durch die Nazis.    Tagebuch der Anne Frank:  "Ich will noch fortleben nach meinem Tode. Und darum bin ich Gott so dankbar, daß er mir bei meiner Geburt schon die Möglichkeit mitgegeben hat, meinen Geist entfalten und schreiben zu können, um alles zum Ausdruck zu bringen, was in mir lebt." Diesen Satz notierte Anne Frank am 4. April 1944 in ihr Tagebuch - wenige Wochen vor ihrem fünfzehnten Geburtstag, im einundzwanzigsten Monat des Eingesperrtseins im engen Versteck des Hinterhauses an der Prinsengracht 263 in Amsterdam."Ich will noch fortleben nach meinem Tode.

": Was Anne Frank sich erträumte, ist in tragischer Weise Erfüllung gegangen Ein Jahr nach der Niederschrift dieses Satzes war Anne Frank tot, elend zugrunde gegangen im Inferno des Lagers Bergen-Belsen - und doch lebt sie fort, denn wie durch ein Wunder blieben die Tagebuchaufzeichnungen Anne Franks erhalten. So wurde es möglich, daß die Stimme dieses Kindes und jungen Mädchens- eine von Millionen, die verstummt sind - bis heute eindringlich zu uns spricht. Sie überdauerte, um es mit den Worten des Anne-Frank-Biographen Ernst Schnabel zu sagen, "das Geschrei der Mörder und überflügelte die Stimmen der Zeit". Jedem ist die dramatische Geschichte der Rettung von Anne Franks Tagebuchaufzeichnungen geläufig. Die Häscher, die am 4. August 1944 die acht "Untergetauchten" aus ihrem Versteck im Hinterhaus zerrten, hielten es nicht der Mühe wert, die Kladden und losen Blätter mit den Aufzeichnungen Anne Franks zu beschlagnahmen und zu vernichten.

Treuen Helfern der Verfolgten ist es gelungen, diese Papiere zu bergen und durch die letzten Monate der Naziherrschaft hindurch zu retten. 1945 wurden sie dem Vater Anne Franks ausgehändigt, der als einziger der acht "Untergetauchten" den Holocaust überlebte und nach Kriegsende in die Niederlande zurückkehrte. Otto Frank hat zunächst einigen Freunden Einblick in die Tagebuchaufzeichnungen Annes gewährt und sich dann zur Veröffentlichung entschlossen, nachdrücklich zu einer solchen Publikation ermutigt durch den angesehenen holländischen Historiker Jan Romein, der Annes Tagebuch als ein "De profundis in der unbeholfenen Stimme eines Kindes" bezeichnete: "Es sagt mehr über die Scheußlichkeit der Faschisten als das ganze Nürnberger Gericht." "Das Tagebuch der Anne Frank", dieses bewegende Zeugnis der Menschlichkeit in unmenschlicher Zeit, hat in der fünfziger Jahren Weltruhm erlangt; es wurde in über 50 Sprachen übersetzt und bislang in mehr als 18 Millionen Exemplaren gedruckt. Mißt man nicht ausschließlich mit der Elle einer rein literarischen Wertung, sondern faßt man auch Bedeutung, Ausstrahlung und Wirkung eines literarischen Dokuments ins Auge, dann ist die Feststellung erlaubt, daß das Tagebuch der Anne Frank zu einem Stück Weltliteratur geworden ist. Daß es dazu kommen würde, hat Anne Frank bei allem Ehrgeiz, später vielleicht eine Schriftstellerin zu werden, gewiß nicht geahnt, als Sie in den langen fünfundzwanzig Monaten der beengten und bedrängten Existenz im Versteck des Hinterhauses ihre Beobachtungen, Empfindungen und Gedanken den Tagebuchblättern anvertraut hat.

Was weiß man vom kurzen Leben der Anne Frank? Man ist recht gut informiert über ihr Schicksal bis zum Zeitpunkt der Verhaftung und des anschließenden Abtransports ins holländische Durchgangslager Westerbork. Man weiß wenig, fast nichts über die letzte Lebensspanne in den Konzentrationslagern Auschwitz und Bergen- Belsen und man kennt weder dieUmstände noch den genauen Zeitpunkt ihres Todes in BergenBelsen. Die wichtigsten Stationen von Anne Franks Lebensweg: Als die jüngere von zwei Töchtern einer gutsituierten Frankfurter Kaufmannsfamilie wurde Anne Frank am 12. Juni 1929 geboren. Mit ihrer um drei Jahre älteren Schwester Margot wuchs Anne in Frankfurt auf, bis die nationalsozialistische Machtergreifung die Familie Frank - wie alle jüdischen Familien in Deutschland - vor schwierige Entscheidungen stellte. Um die Dimension des Problems zu bezeichnen, vor das Zehntausende von Familien gestellt waren, nenne ich einige Zahlen.



Von den rund 500.000 jüdischen Deutschen, die Anfang 1933 in Deutschland lebten, sind rund 300.000 bis zum Herbst 1941, als die Auswanderung verboten wurde, emigriert. Knapp 50.000 sind in den Jahren 1933-1939 verstorben. Im Oktober 1941 lebten im Deutschen Reich - in den Grenzen von 1937 "Altreich" - noch 164.

000 Juden, von denen 134.000 in die Ghettos des Ostens, in Arbeitslager, Konzentrationslager und Vernichtungslager deportiert wurden. Nur etwa 5.000 von ihnen überlebten, weitere rund 5.000 überlebten in Verstecken oder im Untergrund, und rund 12.000 in Mischehen Lebende entgingen der Vernichtung.

Von jenen, die in die Länder emigriert waren, die ab 1939 von den Deutschen besetzt wurden, sind schätzungsweise 30.000 dann doch den Mordaktionen des Holocaust zum Opfer gefallen. Die Zahl der getöteten deutschen Juden wird daher auf 160.000 geschätzt. Die Familie Frank entschloß sich schon im Sommer 1933 zur Auswanderung aus Deutschland - ein solcher Entschluß war alles andere als selbstverständlich für einen nationalgesinnten deutschen Juden wie Otto Frank, der als Frontsoldat am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte und im Leutnantsrang aus dem Krieg zurückgekehrt war. Aber indem Otto Frank sich so früh dazu durchrang, Deutschland zu verlassen, ersparte er seinen beiden heranwachsenden Töchtern all jene Demütigungen und Schikanen, denen jüdische Kinder im nationalsozialistischen Deutschland seit 1933 ausgesetzt waren.

Während Otto Frank in Amsterdam eine neue Firma gründete, hielt sich die vierjährige Anne mit ihrer Mutter einige Monate in Aachen auf, im März 1934 siedelten die beiden dann auch nach Amsterdam über. In der liberalen, weltoffenen, von jeder Diskriminierung freien Atmosphäre der Stadt Amsterdam, in der Geborgenheit einer intakten Familie. Am 10. Mai 1940 fielen die deutschen Armeen in die Niederlande ein und besetzten das Land. Wenig später begann die SS mit der systematischen Verfolgung des holländischen Judentums. Gerade in den Niederlanden wurde die Erfassung und dann der Abtransport der Juden in die Vernichtungslager des Ostens mit einer mörderischen Energie ohnegleichen organisiert.

Von den rund 140.000 Juden, die beim Einmarsch der deutschen Truppen in den Niederlanden lebten, sind 110.000 deportiert worden; nur 6.000 von ihnen kehrten nach Kriegsende zurück. Holländische Bürger hielten rund 20.000 jüdische Mitbürger - unter ihnen waren viele Kinder - bis zum Kriegsende versteckt.

Wohl in die Tausende geht auch die Zahl derer die zunächst eine Zuflucht fanden, dann aber- wie die Untergetauchten der Prinsengracht 263 - in ihren Verstecken aufgespürt oder verraten wurden und schließlich doch den Weg ins Durchgangslager Westerbork und von dort in die Vernichtungslager antreten mußten. Otto Frank hat sich keinen Illusionen darüber hingegeben, was den Juden unter deutscher Besatzungsherrschaft bevorstand. Als im Januar 1941 in den Niederlanden die Registrierung aller Personen jüdischen Glaubens und aller Personen ganz oder teilweise jüdischen Blutes verfügt wurde, übertrug Otto Frank die Leitung seines kleinen Betriebes auf einen "arischen" Holländer und traf Vorbereitungen für das Untertauchen der Familie im Dachgeschoß des Hinterhauses der Prinsengracht 263, in deren Vordertrakt sich die Büro- und Lagerräume der Firma befanden. Am 5. Juli 1942 war es soweit: Annes Schwester Margot erhielt die Aufforderung, sich bei der Auffangstelle für das Lager Westerbork zu melden - längeres Zuwarten war nun nicht mehr möglich. Am folgenden Tag bezog die Familie Frank das illegale Quartier im Hinterhaus.

Gegenüber Freunden und Bekannten wurde das plötzliche Verschwinden der Franks damit motiviert, ein hoher deutscher Offizier ein Jugendfreund Otto Franks, habe die Übersiedlung der Familie in die Schweiz bewerkstelligt. Eine Woche später gesellte sich zu den Franks eine weitere Familie, Herr und Frau van Daan mit ihrem Sohn Peter; und im November 1942 wurde noch ein weiterer Verfolgter; Herr Dussel, in die Gemeinschaft der Untergetauchten aufgenommen. Für acht Menschen war das Hinterhaus 25 Monate lang- vom 6. Juli 1942 bis zum 4. August 1944 - Zufluchtsstätte und Gefängnis zugleich. In Anne Franks Tagebuch besitzen wir einen authentischen und exemplarischen Bericht über das Leben in dieser "Zwangsgemeinschaft" auf engstem Raum.

Anne hatte bereits am 14. Juni 1942, zwei Tage nach ihrem dreizehnten Geburtstag und wenige Wochen vor der Flucht ins Hinterhaus, damit begonnen, ein Tagebuch zu führen, und zwar in Gestalt von Briefen an die fiktive Freundin Kitty. Nun, in den langen Monaten des Eingesperrtseins und der erzwungenen Untätigkeit wurde das Schreiben für Anne zum Lebenselixier; im Schreiben von Tagebuchbriefen und kleinen Geschichten fand sie zu sich selbst, entwickelte ihre eigene Individualität. Wenn man heute die Aufzeichnungen der dreizehn-, dann vierzehnjährigen Anne Frank liest, in ihrer Mischung aus Wissen und kindlicher Naivität, aus tiefem Ernst und vitaler Heiterkeit, sollte man sich immer zweierlei vor Augen halten. Zum einen die konkrete Lebenssituation der Verfolgten, die im Hinterhaus der Prinsengracht ihre illegale und verborgene Existenz führten, von den verschwiegenen und opfermutigen Mitarbeitern der Firma mit Lebensmitteln versorgt: acht Menschen ganz unterschiedlichen Alters, abgeschnitten vom "gewöhnlichen Leben" (Anne Frank), zusammengepfercht in vier kleinen Kammern, die Nerven bis zum Zerreißen gespannt zuerst vor der Furcht vor Entdeckung, dann von den Strapazen des beengten Zusammenlebens. Diese kleine Gemeinschaft glich einem Floß von Schiffbrüchigen in der Wasserwüste.

Haie ringsum, Menschenhaie, bestehend aus "grüner Polizei" und möglichen, am Ende faktischen Denunzianten. Und was sah die Dreizehn-, die Vierzehnjährige von der Welt in langen 25 Monaten? Durch die Dachluke ein Stück Himmel, einen Kastanienbaum im Wandel der Jahreszeit. Und manchmal, wenn keine Angestellten im Hause waren und man in die vorderen Räume huschen konnte, durch einen Gardinenspalt einige Möwen, wie sie im Gleitflug über den Grachten zanken; ein am Wasser vertäutes Hausboot, auf dem ein kleines Kind in der Sonne spielt. Das ist alles. So viel, so wenig sah Anne Frank von der Welt, und das über zwei Jahre lang. Zum anderen: Anne Frank war kein Wunderkind; das haben diejenigen bezeugt, die sie damals kannten und sich später äußerten.

Sie war ein junger Mensch in der Entwicklung, "zwischen Selbstvertrauen und Zweifel, zwischen hochfliegenden Zukunftsplänen und der Erfahrung einer elenden Gegenwart, zwischen kindlicher Freude am Unsinn und der Melancholie der Adoleszenz" (Gertrud Baruch), aber doch - über allem - von einer großen und tapferen Selbstbeherrschung. "Je länger die Abgeschlossenheit im Hinterhaus dauert, desto intensiver scheint die Erlebnisfähigkeit des Mädchens zu werden, desto schärfer ihr Blick für die Verhaltensweise der Schicksalsgenossen und desto souveräner ihre Fähigkeit, Gedanken und Beobachtungen zu formulieren" (Gertrud Baruch). Wie Annes Handschrift verändert sich in diesen zwei Jahren alles in außerordentlicher Weise: die Sprachkraft, das Niveau der Reflexion, die Energie der Autorin; ihre schöpferische Individualität. Am 15. Juli 1944 notierte Anne Frank in einer ihrer letzten Eintragungen: "Wir Jüngeren haben doppelte Mühe, unsere Ansichten zu behaupten in einer Zeit, in der alle Ideale vernichtet und zerstört werden, wo die Menschen sich von ihrer häßlichen Seite zeigen, wo gezweifelt wird an der Wahrheit, am Recht, an Gott..

. Es ist ein Wunder; daß ich all meine Hoffnungen noch nicht aufgegeben habe, denn sie erscheinen absurd und unerfüllbar. Doch ich halte daran fest, trotz allem, weil ich noch stets an das Gute im Menschen glaube. Es ist mir nun einmal nicht möglich, alles auf der Basis von Tod, Elend und Verwirrung aufzubauen. Ich sehe die Welt mehr und mehr in eine Wüste verwandelt, ich höre immer stärker den anrollenden Donner; der auch uns töten wird, ich fühle das Leid von Millionen Menschen mit, und doch, wenn ich nach dem Himmel sehe, denke ich, daß alles sich wieder zum Guten wenden wird, daß auch diese Härte ein Ende haben muß und wieder Friede und Ruhe die Weltordnung beherrschen werden." Konkreter kann sich der Idealismus eines jungen Menschen nicht ausdrücken.

Wieviel davon hinübergerettet ist in eine materialistische Zeit, das beweist die unmittelbare Beeindruckung, die Anne Frank - durchaus im Sinn ihres Traums über den Tod hinaus - auf die Gleichaltrigen und die wenig Jüngeren der nächsten Generation in unserer Gegenwart ausgeübt hat und noch immer ausübt. Am 4. August 1944 brach das Verhängnis über die acht Menschen im Hinterhaus herein. Ein Auto stoppte vor der Prinsengracht 263, ein deutscher Polizist und drei holländische Zivilisten, alle bewaffnet, betraten das Haus, eilten auf das Bücherregal zu, das als Geheimtür zur Stiege ins Hinterhaus fungierte, öffneten diese Tür und stürmten ins Obergeschoß. Wenig später wurden alle acht Untergetauchten und zwei ihrer treuen Helfer ins Amsterdamer Gestapo-Hauptquartier abtransportiert. Wie der Verrat erfolgte, wer der Verräter war; konnte nie aufgeklärt werden.

Vom Amsterdamer Gestapogefängnis ging es nach einigen Tagen ins Lager Westerbork. Am 3. September mußten die Familien Frank und van Daan sowie Herr Dussel die Waggons eines Eisenbahnzuges besteigen, der Westerbork in Richtung Auschwitz verließ - es war der letzte Transport von Westerbork nach Auschwitz. Wir besitzen Unterlagen über diesen Transport; auf der "Judentransportliste" ist unter der Nummer 309 eingetragen: "Frank, Anneliese, 12.6.1929, ohne Beruf".

Der Güterzug mit seiner Menschenfracht hielt am 5. September an der Rampe von Auschwitz-Birkenau. Die "Selektion" begann: Von den 1.019 Menschen, die in den Waggons zusammengepfercht waren, mußte etwa die Hälfte sofort den Weg zu den Gaskammern antreten, 258 Männer und 212 Frauen wurden ins Lager eingeliefert; unter ihnen befanden sich alle Mitglieder der Familie Frank. Aber sie waren damit noch nicht dem Tod entronnen. Daß Anne zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester im Block 29 des Frauenlagers untergebracht war; ist so ziemlich alles, was wir über Anne Franks Existenz im Lager Auschwitz-Birkenau wissen Am 30.

Oktober fand wieder einmal eine Selektion statt. Alle Frauen, die nicht schwer krank oder zu alt waren, wurden zum Transport ausgesondert; Margot und Anne Frank befanden sich unter ihnen. Nach mehrtägiger Fahrt in überfüllten Viehwaggons traf dieser Transport in Bergen-Belsen ein, und weil in den Baracken kein Platz mehr war, wurden die "Auschwitz-Frauen" ins "Zeltlager" eingeliefert: In Herbstkälte und Nässe schliefen sie- auf einer dünnen Strohschütte - in riesigen, aber völlig überbelegten Zelten, in denen es weder Beleuchtung noch Waschmöglichkeiten oder Toiletten gab. Als dann ein schwerer Novembersturm über die Heide fegte und die Zelte wegriß, standen die Frauen stundenlang im strömenden Regen, bis sie in einige Baracken eingewiesen wurden, die in aller Eile geräumt worden waren. Innerhalb weniger Monate forderten die im Lager herrschenden Zustände Zehntausende von Opfern. Zwischen Anfang Januar und Mitte April 1945 sind in Bergen-Belsen rund 35.

000 Menschen umgekommen, allein im Monat März fanden hier 10.000 Menschen den Tod, unter diesen Toten waren auch Margot und Anne Frank. Wir kennen nicht die Umstände und den genauen Zeitpunkt ihres Todes; es gibt kein Grab und keinen Grabstein. Durch die Aussagen einiger Schicksalsgefährtinnen wissen wir lediglich, daß Anne Frank kurz nach ihrer Schwester Margot irgendwann im März an Typhus gestorben ist - eines von ungezählten Opfern des barbarischen Rassenfanatismus der Nationalsozialisten und des hemmungslosen Vernichtungswillens der SS-Funktionäre. Als Buch, als Theaterstück, als Film hat "Das Tagebuch der Anne Frank" gerade hierzulande mehr als alle gutgemeinten pädagogischen und publizistischen Bemühungen dazu beigetragen, besonders der jüngeren Generation eine Vorstellung von der Scheußlichkeit und Unmenschlichkeit des NS-Systems zu vermitteln und bei den Älteren das Eis des Nichtwissenwollens und des Verdrängens der NS-Zeit zu brechen und eine kritische Auseinandersetzung mit diesem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte einzuleiten. Der damalige Bundespräsident Theodor Heuß schrieb 1958: "Doch hat sich in den letzten zwei Jahren etwas Merkwürdiges und Ergreifendes begeben: Ein kleines jüdisches Mädchen hat nach seiner "Liquidierung", wie der Vorgang des genormten Mordes genannt wurde, durch einen Stoß Papier, den sie hinterließ, Geschichte gemacht.

Das ist wohl zu pathetisch formuliert. Aber ich lasse den Satz stehe, weil ein Stück Optimismus in ihn hineingeraten ist. "Das Tagebuch der Anne Frank", absichtsloses, doch begabtes Kinderspiel der Not, ist zu einem fast missionarischen Auftrag gekommen. In der Begegnung mit ihm handelt es sich fast um etwas wie eine Bewährungsprobe der deutschen Gewissensprüfung. Und wie sie bestanden wurde, das hat etwas Tröstliches."     Resümee:  Nach der Analyse dieser vier Werke, die, jedes in ihrer Weise, die Schreckensherrschaft der Nazis widerspiegeln, kann man nur sagen, sie haben ihren eigentlichen Auftrag erfüllt, nämlich jenen, nicht zu vergessen, was damals passiert, und so möchte ich mit einem Zitat von George Steiner schließen: "Es gibt Realitäten, die zu groß sind für Haß und Vergebung.

Nur eins darf man nicht zulassen: das Vergessen. Mit jedem Vergessen sterben die Gefolterten und Verbrannten ein zweites Mal."    Quellenverzeichnis:  Meyer's Großes Taschenlexik

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